Jüdisches Museum Wien: Neue Ausstellung „Genosse.Jude.“

05.12.2017

Das Jüdische Museum Wien, ein Museum der Wien Holding, präsentiert von 6. Dezember 2017 bis 1. Mai 2018 die neue Ausstellung "Genosse.Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden", die sich mit der Strahlkraft der russischen Revolution und dem Kampf um Gleichstellung befasst.

Jüdische KommunistInnen als VermittlerInnen

"Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot". Für diese Devise begeisterten sich auch viele Jüdinnen und Juden. In Russland erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging weit über die russischen Grenzen hinaus. Weltweit und auch in Österreich begannen Jüdinnen und Juden für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen MarxistInnen. Oft waren es jüdische KommunistInnen, die zwischen diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der Sowjetunion.

Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang

Viele bedeutende VertreterInnen der Arbeiterbewegung waren keine Jüdinnen und Juden. Ebenso waren die meisten Jüdinnen und Juden keine Revolutionäre, SozialistInnen oder KommunistInnen. Und dennoch trugen Jüdinnen und Juden, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert. Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem Untergang des Kapitalismus würden sich auch Jüdinnen und Juden völlig assimilieren.

Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr als fünf Millionen Jüdinnen und Juden in den westlichen Provinzen. Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich politisch aktive Jüdinnen und Juden in den verschiedenen Teilen und Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein wichtiger Zufluchtsort.

Leo Trotzki im politischen Exil in Wien

Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki, der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner.

Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA. Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.

Als "10 Tage, die die Welt erschütterten", nach dem Roman des amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs weckte bei vielen Jüdinnen und Juden enorme Hoffnungen. Vor allem die junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.

Jüdische KommunistInnen in der KPÖ

Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde.

Religion spielte im Leben der jüdischen KommunistInnen meist keine Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.

Jüdinnen und Juden im Räderwerk des stalinistischen Terrors
In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche SowjetbürgerInnen gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD, weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen "Abweichler", "Andersdenkende", reale und vermeintliche politische GegnerInnen nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch waren viele sowjetische Jüdinnen und Juden vor 1917 im Bund oder in anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.

Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen KünstlerInnen und SchriftstellerInnen, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen Kriegspropaganda.

Wien als Drehscheibe sowjetisch-jüdischer Emigration
Während die polnischen Jüdinnen und Juden ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt wurden, entschieden sich einige sowjetische Jüdinnen und Juden bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur und Tradition.

"Genosse.Jude - Wir wollten nur das Paradies auf Erden" ist von 6. Dezember 2017 bis 1. Mai 2018 im Jüdischen Museum Wien, einem Museum der Wien Holding zu sehen. Zu der von Gabriele Kohlbauer-Fritz und Sabine Bergler kuratierten und von Stefan Fuhrer gestalteten Ausstellung erscheint auch ein zweisprachiger Katalog zum Preis von 29,95 € im Amalthea Signum Verlag mit zahlreichen farbigen, teils noch nie zuvor veröffentlichten, Abbildungen. Das Jüdische Museum Wien, 1010 Wien, Dorotheergasse 11, ist von Sonntag bis Freitag 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der zweite Standort, Museum Judenplatz, Judenplatz 8, 1010 Wien, ist von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr (Winterzeit) bzw. 17 Uhr (Sommerzeit) geöffnet.

Weitere Informationen unter www.jmw.at oder unter info@jmw.at.