Smarte Gemeindewohnung am Tag des Denkmals zu besichtigen

23.09.2017

Die museale Wohnung lässt ein Stück Architekturgeschichte Wiens der Zwischenkriegszeit hautnah erleben.

Der Tag des Denkmals findet morgen, Sonntag, 24. September, unter dem Motto "Heimat großer Töchter - 300 Jahre Maria Theresia" statt. in Wien zu besichtigen ist unter anderem das "Anton-Brenner-Wohnungsmuseum". In einer der 33 ArbeiterInnenwohnungen des Gemeindebaus Rauchfangkehrergasse 26 im 15. Wiener Bezirk ist sehr viel von ihrer ursprünglichen Ausstattung seit der Errichtung erhalten geblieben.
Das Wohnhaus wurd1924/1925 nach Plänen des Architekten Anton Brenner im Auftrag der Stadt Wien errichtet. Die Wohnung im zweiten Stock des Hauses ist größtenteils im Originalzustand erhalten und bietet Einblick in eine bis ins Detail durchdachte Funktionalität mit optimaler Raumnutzung, die die Lebenssituation der ArbeiterInnen nachhaltig verbesserte. Besonders sehenswert sind die Einbaumöbel und die Küche, Vorläufer der "Frankfurter Küche", mit der Brenners Assistentin Margarete Schütte-Lihotzky berühmt wurde. Die Führungen werden vom Verein Zeit!Raum sowie von StudentInnen der TU Wien organisiert. ****

"Durch die überaus exakte und damals bahnbrechend moderne Planung eines Wohnhauses mit Einbaumöbeln wurde es bereits vor rund neun Jahrzehnten einer Familie ermöglicht, auf nur 38 m² komfortabel zu leben. Innovative und smarte Weiterentwicklungen bilden auch einen wichtigen Grundpfeiler im modernen Wiener Wohnbau der Gegenwart und stellen gleichzeitig einen der entscheidenden Faktoren für die hohe Qualität und die Leistbarkeit des Wohnens dar", hält Wohnbaustadtrat Michael Ludwig fest. Die Küche sei deshalb so bemerkenswert, weil sie auf kleinstem Raum sämtliche Arbeitsabläufe in kürzester Zeit ermögliche und sich durch optimale Funktionalität auszeichne, so Ludwig weiter: "Neben Margarete Schütte-Lihotzky prägen damals wie heute große Töchter unseres Landes als Architektinnen sowohl den Gemeindebau als auch den geförderten Wohnbau."

"Der Tag des Denkmals bietet auch heuer wieder die Gelegenheit, anhand von bedeutenden Objekten die fruchtbare Zusammenarbeit der Stadt Wien, Wiener Wohnen und dem Bundesdenkmalamt zu dokumentieren. Ein Highlight der diesjährigen Veranstaltung ist sicherlich die sogenannte Anton Brenner Wohnung, die der Architekt in dem von ihm 1924 entworfenen Gemeindebau für sich und seine Familie einrichtete und die sich zur Gänze erhalten hat", betont Friedrich Dahm.

Vorläufer der "Frankfurter Küche"

Die ursprüngliche Möblierung mit Wandverbau, multifunktionaler Küche, in die Wohnung integriertem Müllschlucker und weiteren revolutionären Details sind erhalten. Besonders sehenswert ist die noch vollständig erhaltene Einbauküche, die auf kleinstem Raum sämtliche Arbeitsabläufe in geringster Zeit ermöglicht und die sich durch einen bis ins Detail durchdachten Funktionalismus auszeichnet. Mit ihr hat sich ein Vorläufer der berühmten ,Frankfurter Küche' erhalten. Architekt Anton Brenner (1896-1957) entwarf die Küche gemeinsam mit seiner damaligen Assistentin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000). Er bewohnte selbst die Wohnung in der Rauchfangkehrergasse mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Im Zuge der einer Restaurierung (2003-2010 unter der wissenschaftlichen Leitung des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung) wurden Fußböden, Schränke, Schrankwand und Einbauküche konserviert, ein fehlender Gasherd und Blechofen durch vergleichbare Geräte aus jener Zeit ersetzt. Die originale Ausmalung wurde wiederhergestellt und die beweglichen Teile der Einrichtung im Stil der 1920er Jahre vervollständigt.

Heimat großer Töchter - Architektinnen im kommunalen und geförderten Wohnbau Wiens

"Auch viele Wiener Gemeindebauten tragen die Handschrift großer Töchter. Zahlreiche städtische Wohnhausanlagen, die das Stadtbild nachhaltig prägen, wurden von bekannten Architektinnen geplant", betont Karin Ramser, stellvertretende Direktorin von Wiener Wohnen.

So etwa der in den 1920er Jahren in Döbling errichtete Pestalozzi-Hof - geplant von Ella Briggs, die 1921 als erste Frau in den österreichischen Architektenverein aufgenommen wurde, ehe sie in den 1930er Jahren vor den Nationalsozialisten nach England floh. Anny Beranek begegnen wir im Simmeringer Salvador-Allende-Hof, Lucia Aichingers Spuren finden sich vom Döblinger Kopenhagen-Hof über Wohnbauten in der Leopoldstadt und Favoriten bis hin zum Liesinger Gemeindebau in der Mehlführergasse. Elsa Prochazka, Leopoldine Schwarzinger, Hedy Wachberger, Margarethe Cufer - die Liste großer Töchter aus Vergangenheit und Gegenwart der Wiener Gemeindebauarchitektur ließe sich noch lange fortsetzen.

An ihrem Anfang stand aber sicherlich die unvergessene Architekturpionierin Margarete Schütte-Lihotzky, der wir nicht nur die Frankfurter Küche sondern auch kommunale Baujuwele wie die Häuser 61 und 62 in der Hietzinger Werkbundsiedlung oder den Otto-Haas-Hof in Wien Brigittenau verdanken. Ihr wurde in den 1990er Jahren mit dem Floridsdorfer Schütte-Lihotzky-Hof ein würdiges Denkmal gesetzt. Geplant wurde dieser übrigens von Liselotte Peretti und Franziska Ullmann - zwei weiteren großen Töchtern dieses Landes.

ArchitektInnen haben im sozialen Wohnbau in Wien eine lange Tradition. Das spiegelt sich auch in der jüngsten Geschichte des geförderten Wohnbaus wider. Elke Delugan Meissl, Bettina Götz, Elsa Prochazka, Cornelia Schindler und Silja Tillner, um nur einige Namen zu nennen, zeichnen für 24 Siegerprojekte bei Bauträgerwettbewerben, die vom wohnfonds_wien seit 1995 durchgeführt werden, und 37 Projekten des Grundstücksbeirats verantwortlich. Ein Großteil davon befindet sich in neuen Wohnvierteln und Stadtentwicklungsgebieten wie im Karree St. Marx und Eurogate, im Sonnwendviertel rund um den neuen Hauptbahnhof oder in der aspern Seestadt und der Brauerei Liesing, die für den sozialen Wohnbau beispielhaft sind und weit über die Grenzen unseres Landes hinaus Vorbildwirkung genießen.

Service

Das Anton-Brenner-Wohnungsmuseum ist am Tag des Denkmals zwischen 09.00 und 12.00 Uhr sowie 13.00 bis 17.00 Uhr zu besichtigen
Führungen: halbstündlich (Dauer circa 40 Minuten), je maximal 10 Personen
Treffpunkt: Sechshauserstraße 72, 1150 Wien (Verein Zeit!Raum)
Alle Informationen zum Tag des Denkmals unter https://tagdesdenkmals.at/