|► Vorschau - Stephan Möller spielt Beethovens 32 Klaviersonaten 22 und 23.5. Musikverein Wien

21.05.2021

In den letzten sechseinhalb Monaten ist uns allen schmerzlich bewusst geworden, wie notwendig wir die Erlebnisse von Live-Konzerten brauchen! Welch eine unschätzbare Bereicherung erfährt unser Leben durch die "holde Kunst", die uns "in eine bess're Welt entrückt", und wie grau und trist ist unser Dasein, wenn diese beglückenden Erfahrungen auf einmal ausbleiben! Körper und Seele, Herz und Hirn werden durch nichts so innig verbunden wie durch die Musik! Gerade die Werke Ludwig van Beethovens sind prädestiniert für die Wiederöffnung der Konzertsäle; im Alter von 30 Jahren schrieb der Komponist den bemerkenswerten Satz: "Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen; ganz niederwerfen soll es mich gewiss nicht!" Wir geben nicht auf!

Es ist der Bekenntnischarakter von Beethovens Musik, der den deutschen Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow darauf brachte, Beethovens Klaviersonaten als "Neues Testament der Klavierspieler" zu apostrophieren (als Pendant zu Bachs "Wohltemperiertem Klavier" als " Altem Testament"). Jedes dieser 32 Meisterwerke hinterlässt in uns einen unauslöschlichen Eindruck. Diese Sonaten sind unaustauschbar und unverwechselbar. Jede von ihnen hat eine Persönlichkeit, die es ihr ermöglicht, wie eine Person mit uns zu kommunizieren! Es gibt Sonaten, die sanft dahinfließen, während andere fürchterliche Turbulenzen verursachen, einige sind spielerisch leicht, andere unendlich schwer, wieder andere humoristisch, sarkastisch, einheitlich, kontrastreich - ein Kosmos der Verschiedenartigkeit wie die "Geschöpfe des Prometheus"!

Neben der unerschöpflichen Vielfalt der Charaktere ist Beethovens Umgang mit dem Aspekt des "Normativen" in der klassischen Form ebenso gewärtig: Es ist nicht nur die Charakterisierung der musikalischen Themen; ebenso einzigartig ist, was ihnen im Laufe der Stücke passiert! Anders als bei Komponisten des späteren 19. Jahrhunderts ist die klassische Form bei Beethoven immer eine lebendige Angelegenheit, die sich entwickeln, wachsen und gedeihen kann wie ein organisches Lebewesen oder eine Skulptur unter den Händen des Bildhauers! Im Gegensatz zu den Sonaten der späteren Romantik ist die Form jeder Beethoven-Sonate dynamisch und genauso einzigartig wie ihr oben beschriebener musikalischer Inhalt! In jeder der 32 Sonaten experimentiert Beethoven erneut mit dem klassischen Modell: Er kreiert, verändert, bereichert und kondensiert! Es gibt minimalistische Exemplare, die nur 7 bis 8 Minuten dauern, während andere einen Zeitraum von bis zu 40 Minuten füllen! Es gibt Sonaten mit 2, 3, 4 und 5 Sätzen! In einer von ihnen, Opus 26, fehlt der Satz in der "Sonatenform" und wird durch ein "Thema mit Variationen" ersetzt. In anderen Fällen, insbesondere in den letzten dreien, ist das Sonatenmodell kaum wiederzuerkennen und scheint mit der Idee einer freien Fantasie zu verschmelzen!

Wenn wir diese Sonaten heute hören, ist es klar, dass sie in ihrer Gesamtheit eine Manifestation eines genialen Willens bilden, aber auch einen tiefen Glauben an die Menschheit! Sie verkörpern das gesamte Universum dessen, was ein Mensch erschaffen kann, wenn er vom Funken der Schöpfung inspiriert wird, und verschmelzen zu einer wahrhaft transzendentalen Erfahrung! Um Beethovens Lebenswerk und die Kraft seiner immer aktuellen Botschaft so eindringlich wie möglich zu zeigen, habe ich beschlossen, alle 32 Beethoven-Sonaten in chronologischer Reihenfolge und in sehr kurzer Zeit aufzuführen. Anlässlich von Beethovens 250. Geburtstag soll zugleich die Hoffnung ausgedrückt werden, dass seine ewig junge Musik uns auch in Zukunft mit Freude erfüllen und unsere menschliche Existenz erhöhen möge!