Theater am Nordwestbahnhof: Rückblick auf wechselvolle Geschichte

Einst beliebter Bahnhof, dann Schipiste und Lagerhalle - die Nutzung des Nordwestbahnhofs war wechselvoll. Bevor auf dem Gelände ein neuer Stadtteil entsteht, wird Theater gespielt.

Statt Abendrobe und eleganten Lackschuhe sind für Theatergäste Warnwesten und festes Schuhwerk empfehlenswert. Denn unterwegs sind TeilnehmerInnen etwa zwei Stunden lang zwischen Schienen und Lagerhallen zu Fuß, via Gabelstapler und LKW. Bei der Pressebegehung, gestern Mittwochabend, wurde das Stationen-Theater "Nordwestpassage" vorgestellt. Es bietet ab 29. August einen ungewöhnlichen Zugang zur Geschichte und Gegenwart des Nordwestbahnhofes in der Brigittenau. Zusammen mit SchauspielerInnen der Gruppe "Theater am Bahnhof" und ehemaligen MitarbeiterInnen im Areal des ehemals vermutlich größten innerstädtischen Logistikzentrums können BesucherInnen die fremde Welt der Transportgüter - nicht selten Gegenstände des Alltags -, aber auch das Bahnhofsareal selbst kennenlernen.

Die Produktion basiert auf einer Gemeinschaftsleistung der beiden Nordwestbahnhof-Experten Michael Hieslmair und Michael Zinganel ("Tracing Spaces"), besagter Theatergruppe und Lene Benz (Produktionsleitung). Neben den SchauspielerInnen werden auch diverse Erinnerungen und Objekte aus dem Bestand des Areals künstlerisch eingesetzt. "Wir haben vieles nachgebaut, sogar eine Draisine, die zu unserer letzten Station gehört. Eine Station widmet sich den gehandelten Tetra-Packerln, eine andere dem Leben eines einstigen Lehrlings der Speditionsfirma Schenker, außerdem verdeutlichen wir ökonomische Unternehmensstrategien und Standortpolitik", sagt Zinganel.

Gespielt wird am 29. 8. (Premiere) und 30. 8., sowie am Freitag, 13. 9. (jeweils 18-20 Uhr) und ein letztes Mal am Samstag, 14. 9. (15-17 Uhr). Restkarten sind teilweise verfügbar. Treffpunkt ist bei der U6-Station Dresdner Straße, Ausgang Dresdner Straße. Mehr Infos unter: nordwestpassage.tracingspaces.net

Wechselvolle Geschichte

Mit dem Theaterstück erinnert die Schauspielgruppe an historische Nutzungen des Areals: Der Vergnügungspark Colosseum fing 1828 als Tanzsaal an, der zu einem Unterhaltungslokal wurde, das Attraktionen bot wie ein überdimensionales Fass, das einen Speisesaal beinhaltete oder einen begehbareren Riesenelefant aus Holz, in dem getanzt wurde. Das Publikum war begeistert und strömte in die Brigittenau. Das erste "Massenverkehrsmittel", um den Ansturm zu bewältigen, war eine Pferdebahn entlang des Donaukanals, die allerdings schon zwei Jahre später wieder eingestellt wurde.

Im Jahre 1843 entstand nebenan mit dem "Universum" der nächste Vergnügungspark, die Universumstraße erinnert noch heute daran. Vierzig Jahre später musste er dem letzten Wiener Kopfbahnhof weichen. Der Nordwestbahnhof als Verbindung von Wien bis Hamburg wurde 1873 eröffnet, rechtzeitig zur Weltausstellung in Wien. In der Monarchie boomte der Güterverkehr auf der Schiene. Nach deren Ende rund 50 Jahre nach der Eröffnung kam der Personenverkehr nach Mähren nahezu zum Erliegen, die Linie wurde eingestellt und auf den Nordbahnhof verlegt. Es folgte eine kurzfristige Rückbesinnung auf die Anfänge der Geländenutzung: 1927 bot der sogenannte Schneepalast eine Indoor-Schipiste mit Sprungschanze statt Schienen, ermöglicht durch Kunstschnee aus England. Anfang der 1930er Jahre wurde "Stadt ohne Juden" in der Bahnhofshalle aufgeführt. Einige Jahre später die antisemitische Ausstellung "Der ewige Jude" gezeigt und während des Zweiten Weltkrieges nutzte die deutsche Wehrmacht die Halle als Lager.

1952 wurde der Nordwestbahnhof abgerissen, aber bis heute als Frachtenbahnhof und Logistikareal genutzt. Nach der Ankündigung der geplanten Neunutzung verließen nach und nach die großen Speditionen das Areal. Derzeit befinden sich dort ein Filmausstatter, eine Fahrschule, ein Bus-Parkplatz und mehrere kleinere Speditionen. Der Verein "Tracing Spaces" mietete ein Büro, in dem ein kleines Museum mit historischen Aufnahmen des Bahnhofs samt einem Modell davon und vielen Objekten von der Geschichte des Gütertransports in die meisten Länder dieser Welt zeugt.

Neunutzung bis 2025

Heute besticht das etwa 44 Hektar große Gelände in erster Linie durch die zentrale Lage zwischen Innenstadt und Augarten sowie zwischen Donau und Donaukanal. Ab 2022 werden ein neues Wohnviertel und ein Bildungscampus gebaut.

Wer keine Theaterkarten mehr bekommt, sich das Gebiet in der Brigittenau aber ansehen möchte, um mehr über "Geschichte und Zukunftspotenziale des Nordwestbahnhof-Areals" zu erfahren, kann an einer der Grätzeltouren teilnehmen: am 4. und am 18. 10., jeweils um 15 Uhr. Treffpunkt: Straßenbahn 2, Station Am Tabor/Johannes-Nepomuk-Kapelle. Die Teilnahme ist gratis, eine Anmeldung aber erforderlich unter E-Mail: graetzelspaziergang@wien-event.at oder Telefon 01/319 82 00. Bei Absage aufgrund von Schlechtwetter werden die TeilnehmerInnen via Mail oder SMS rechtzeitig informiert.

Mehr Infos zur Geschichte: www.brigittenau.wien.gv.at/geschichte-kultur/geschichte/nordwestbahnhof.html