Wien erweitert Leistungsangebot in der Pflege und Betreuung

19.03.2019

 Pixabay
Pixabay

Mehrstündige Alltagsbegleitung schließt Lücken zur 24h-Betreuung, längere Öffnungszeiten in Tageszentren - Ludwig und Hacker: "Wien als Best Practice für bundesweite Reformen"

Bürgermeister Michael Ludwig, Sozialstadtrat Peter Hacker und die Geschäftsführerin des Fonds Soziales Wien, Anita Bauer, haben am Dienstag neue Leistungen im Bereich der Pflege und Betreuung in Wien vorgestellt. Die neuen Angebote werden im Rahmen des Strategiekonzepts "Pflege und Betreuung in Wien 2030" umgesetzt, das die Versorgung pflegebedürftiger Wienerinnen und Wiener nachhaltig sichert. Mit Blick auf den im Dezember von der Bundesregierung ausgerufenen "Masterplan Pflege" sagte der Wiener Bürgermeister: "Die Bundeshauptstadt ist bei der Pflege sehr gut aufgestellt. Wenn jetzt nach nachhaltigen Organisationsmodellen gesucht wird, ist die Bundesregierung gut beraten, auf dieses Know How und diese Erfahrungen zurückzugreifen. Bei der Finanzierung müssen wir darauf achten, dass die Pflege nicht zum privaten Risiko wird."

Wien als "Best Practice"

"Eine soziale Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass die Gemeinschaft den Einzelnen dann unterstützt, wenn er oder sie Hilfe braucht. Die Wienerinnen und Wiener können sich sicher sein, dass sie genau die Leistung bekommen, die sie benötigen, und dass sie sich Pflege und Betreuung leisten können.", erklärte Ludwig. "Wir ruhen uns darauf aber nicht aus, sondern entwickeln unsere Leistungen laufend weiter. Pflegende müssen Sicherheit haben und Betroffene dürfen nicht mit ihren Fragen, Wünschen und Bedürfnissen allein gelassen werden."

Zum "Masterplan Pflege" des Bundes äußerte sich Ludwig abwartend, er sei gespannt auf eine Konkretisierung der Vorschläge. Klar sei jedenfalls, dass Ideen zur bundesweiten Vereinheitlichung von Maßnahmen im Einvernehmen mit allen Bundesländern umgesetzt werden müssten. "Das ist keine Frage politischer Streitereien, es geht um die Sicherheit für alle Wienerinnen und Wiener, die auf Pflege und Betreuung angewiesen sind. Wir sorgen dafür, dass Pflege leistbar bleibt - für die Menschen in unserer Stadt, aber auch für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler."

Pflegeleitlinien der Zukunft

Auch Sozialstadtrat Hacker betonte, die Wiener Pflegestrategie beinhalte etliche Punkte, die im "Masterplan" bislang noch keine Berücksichtigung fänden. Die Zuspitzung "Pflege daheim statt im Heim" beispielsweise greife zu kurz: "Welche Leistungen in der jeweiligen Lebenssituation die richtigen und besten sind, orientiert sich am individuellen Bedarf und den momentanen Umständen. Die bestmögliche Pflege und Betreuung kann keinesfalls eine Frage von Systemgrenzen sein." Hacker unterstrich in diesem Zusammenhang auch die Notwendigkeit eines bundesweit einheitlichen Pflegesystems mit zentralen, trägerunabhängigen Servicestellen in jedem Bundesland. "Es ist ganz entscheidend, dass wir die Menschen umfassend informieren. Die weitverbreitete Ansicht, dass sich Menschen ihre Pflege selbst organisieren können, ist in der Praxis oft zum Scheitern verurteilt. Nur Experten können alle existierenden Leistungen im Blick haben."

Bei der aktuellen Weiterentwicklung des Leistungsangebots stünden der Erhalt der Selbstständigkeit und die Flexibilisierung der Leistungen im Mittelpunkt. "Das zögert nicht nur die Notwendigkeit einer stationären Langzeitpflege hinaus, sondern bedeutet für die Betroffenen selbst auch eine maßgebliche Steigerung ihrer Lebensqualität", führt Hacker aus.

Unterstützung für pflegende Angehörige

Anita Bauer, Geschäftsführerin des für die Pflege und Betreuung zuständigen Fonds Soziales Wien, betonte einen weiteren Aspekt: Im Interesse einer nachhaltigen Strategie müsse die große Belastung informell pflegender Menschen - vor allem Frauen - berücksichtigt werden. Pflegende Angehörige müssten bestmöglich entlastet und motiviert werden, Unterstützung anzunehmen: "Ein wichtiger Aspekt bei den aktuellen Leistungserweiterungen ist daher die bessere und lebensnahe Unterstützung pflegender Angehöriger", so Bauer. "Wir lassen die Menschen in Wien mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe nicht allein. Die neuen Leistungen sind ein weiterer Schritt hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit".

Neue Leistungen im Überblick:

  • Mehrstündige Alltagsbegleitung wird in Zusammenarbeit mit 12 Trägern seit November 2018 im Rahmen eines Pilotprojekts angeboten. Mehrstündige Alltagsbegleitung von pflege- und/oder betreuungsbedürftigen Menschen bildet den Lückenschluss zur 24-Stunden-Betreuung und dient der Entlastung pflegender Angehöriger. Sie ergänzt den Aufgabenbereich anderer Gesundheits- und Sozialbetreuungsberufe. Die Betreuung findet im Wohnumfeld statt. Ziele sind die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte, die Unterstützung bei Alltagstätigkeiten sowie die Begleitung bei Wegen außer Haus.

  • TZ Plus (erweiterte Öffnungszeiten Tageszentren): Tageszentren für Seniorinnen und Senioren bieten älteren Wienerinnen und Wienern, die noch selbstständig wohnen oder von mobilen Diensten und/oder Angehörigen betreut werden, Tagesbetreuung an. Neben einer abwechslungsreichen Tagesgestaltung mit zahlreichen Aktivierungsangeboten für Körper und Gedächtnis gibt es auch Pflegeangebote. Um noch besser auf den Bedarf der KundInnen und ihrer Angehörigen einzugehen, wurden in zwei Tageszentren die Öffnungszeiten erweitert: Im Tageszentrum Favoriten und seit 1. März auch im Tageszentrum Winarskystraße kann das Angebot nun auch an Wochenenden und Feiertagen genutzt werden.

  • Betreuung mit Fahrt: KundInnen, die nicht selbstständig in ein Tageszentrum gelangen können, konnten schon bislang einen Fahrtendienst über das Tageszentrum zubuchen. Diese Möglichkeit besteht nach wie vor - neu ist, dass Menschen, die Unterstützung vor, während und nach der Fahrt benötigen, die Leistung "Betreuung mit Fahrt" über den Fonds Soziales Wien beziehen können. Die KundInnen werden im Wohnumfeld abgeholt und erhalten beispielsweise Unterstützung beim Anziehen der Überkleidung, beim Herrichten der Gehhilfe usw.

60.000 KundInnen, mobile Pflege stärkster Bereich

Der Fonds Soziales Wien finanziert und organisiert die Pflege und Betreuung für rund 60.000 Menschen in Wien. Mit 36.000 KundInnen ist die mobile Pflege das mit Abstand größte Segment, 22.200 Menschen leben in einer der 91 stationären Einrichtungen. Die 17 auf die gesamte Stadt verteilten Tageszentren werden von 2.200 Personen genutzt. 2017 wendete der FSW etwas mehr als eine Milliarde Euro für Pflege- und Betreuung auf - davon stammten rund zwei Drittel aus öffentlichen Mitteln, ein Drittel wurde durch Kostenbeiträge der KundInnen aus deren Pensionen und Pflegegeldbezügen abgedeckt.