Zerstörtes sichtbar machen: Das Projekt OT

21.06.2018

Ein urbanes Gedenkprojekt des Jüdischen Museums Wien, ein Museum der Wien Holding, in Kooperation mit der Universität für Angewandte Kunst Wien, setzt ab November 2018 einheitliche, künstlerisch gestaltete Lichtzeichen an die Stelle der 1938 zerstörten Synagogen und Bethäuser Wiens.

Am 9. und 10. November 1938 fanden als so genannte Vergeltungsaktion nach dem Anschlag auf einen deutschen Diplomaten durch einen jungen Juden brutale Aktionen gegen Jüdinnen und Juden statt. In Wien wurden 27 Jüdinnen und Juden ermordet, 88 schwer verletzt, mehr als 6.500 Juden wurden verhaftet, Geschäfte zerstört und geplündert. Die Wiener Synagogen und Bethäuser wurden bis auf eine Ausnahme zerstört.

Daran gilt es im Jahr 2018 zu erinnern. An vielen der ehemaligen Standorte gibt es heute keinen Hinweis mehr auf die tragischen Ereignisse des Novembers 1938. 80 Jahre später, soll ein bleibendes Zeichen an das Novemberpogrom erinnern. Die ehemaligen Bethäuser werden dadurch wieder in das kollektive Bewusstsein der Stadt und ihrer BewohnerInnen gerückt.

Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018

"In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden die fast einhundert Synagogen und Betstuben in Wien vollkommen zerstört - mit Ausnahme des Stadttempels. Bis heute blieben die Spuren der jüdischen Gemeinde vor 1938 weitgehend verschwunden. Umso wichtiger ist das Projekt 'OT' des Jüdischen Museums Wien gemeinsam mit der international renommierten österreichischen Künstlerin Brigitte Kowanz. Durch die Lichtinstallationen in Form eines verbogenen Davidsterns wird nicht nur den jüdischen Opfern der Pogromnacht gedacht, sondern werden auch die Spuren der jüdischen Gemeinde vor 1938 sichtbar. Es freut mich sehr, dass auf kreative Weise ein Zeichen gegen Diskriminierung gesetzt wird und uns gleichzeitig bewusst gemacht wird, dass die jüdische Gemeinde ein bedeutender und unverzichtbarer Teil der Stadt Wien war.", sagt Bundespräsident a.D. und Vorsitzender des Beirats für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 Heinz Fischer.

Als Beitrag zum offiziellen Gedenkjahr werden im November 2018, an den 25 ehemaligen Standorten der Synagogen in 16 Wiener Bezirken, Licht-Zeichen zum Gedenken an diese verloren gegangenen Orte sowie deren Geschichte errichtet. Finanziert wird das Projekt durch eine Förderung der Republik Österreich sowie durch das Jüdische Museum Wien, den Nationalfonds, die Sektion II des Bundeskanzleramtes - Kunst und Kultur sowie KÖR, Kunst im öffentlichen Raum.

Projekt OT

Danielle Spera betonte: "Im Gedenkjahr 2018 wird damit ein einzigartiges Projekt umgesetzt, das bewusst machen soll, was neben der Vertreibung und Ermordung der Wiener Jüdinnen und Juden an Kulturgut für immer verloren gegangen ist."

"OT" steht in der hebräischen Sprache für das deutsche Wort Symbol oder Zeichen. Im frühen Judentum hat es aber nicht nur diese Bedeutung, sondern ist auch ein spirituelles Merkmal der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

"Stets aufs Neue überzeugt das Jüdische Museum Wien mit spannenden und eindrucksvollen Themen. Das Projekt 'OT' zeigt deutlich einen Bereich auf, den es in der Gesellschaft aufzuarbeiten gilt. Die Verluste dieser Nacht sollen nie vergessen werden", so die interimistische Geschäftsführerin der Wien Holding Doris Rechberg-Missbichler.

Das Projekt OT ist zivilgesellschaftlich und generationenübergreifend an der Nahtstelle von Wissenschaft, Kunst und Vermittlung sowie zwischen Museum, Universität und privater Initiative entstanden. Ausgangspunkt war die Ausstellung "Wiener Synagogen. Ein Memory" im Jüdischen Museum Wien 2016. Dieses wiederum wurde durch ein langjähriges Forschungsprojekt an der TU Wien ermöglicht, in dem Prof. Bob Martens gemeinsam mit dem Architekten Herbert Peter und zahlreichen Diplomanden die zerstörten Wiener Synagogen virtuell rekonstruierten.

Dieses Projekt und eine Initiative von Maria Graff inspirierten die Künstlerin Brigitte Kowanz und ihre Klasse für Transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst dazu, gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Wien, das Projekt OT ins Leben zu rufen.

Aktives Gedenken - Orte der Erinnerung

Aus den Projekten der einreichenden KünstlerInnen wurde, von einer unabhängigen Jury, das Projekt "Sternstele" von Lukas Maria Kaufmann zum Siegerprojekt gekürt. Die Skulptur in Form eines ca. 5 Meter hohen Metallmastes trägt einen ineinander verflochtenen leuchtenden Davidstern. Die Intention des Künstlers ist es, die BetrachterInnen bzw. PassantInnen zu TeilnehmerInnen in einer Wahrnehmungschoreographie zu machen. "Indem sie sich der Skulptur nähern und die wirren geschwungenen Linien des Leuchtkörpers sich kontinuierlich zur gleichmäßigen Struktur des Davidsterns ordnen.", so Lukas Maria Kaufmann. Auf jeder Stele wird nicht nur die Information über die jeweilige Synagoge angebracht, sondern auch per QR Code deren virtuelle Rekonstruktion abrufbar sein.

Die Skulpturen beleuchten damit nicht nur den Stadtraum, sondern auch ein ausgeblendetes, brutales Kapitel Wiens; jener Stadt, in der bis 1938 die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas zu Hause war. Das Projekt OT erweitert so die Eigenschaften von "Denkmälern" zeitgemäß, indem es "Gedenken" zu einer aktiven Handlung und einer kontinuierlichen Erfahrung macht.

Weitere Informationen unter www.jmw.at oder unter info@jmw.at.