Bissige Lieder auf historischen Stufen – Kreisler und Leopoldi an der Strudlhofstiege

11.07.2026

Die Strudlhofstiege im neunten Wiener Gemeindebezirk – 1910 eröffnet, durch Heimito von Doderers Roman weltberühmt geworden. Wo sonst Spaziergänger und Literaturfreunde die Stufen erklimmen, wurde am 9. Juni musiziert: "Wienerlieder mit Biss" – ein Open-Air-Abend, der die Jugendstil-Kulisse mit dem satirischen, bisweilen sarkastischen Erbe der Wiener Musikgeschichte verband. Naama Isabelle Fassbinder und Vasilis Konstantin am Keyboard nahmen das Publikum mit auf eine Reise in eine bewegte Zeit – in die Welt zweier Männer, die das Wienerlied mit Witz, Schärfe und Melancholie geprägt haben: Georg Kreisler und Hermann Leopoldi. Hermann Leopoldi, geboren 1888 in Wien, war der gefeierte Klavierhumorist der Zwischenkriegszeit – ein Star der Kaffeehäuser, Varietés und Kabarettbühnen. Nach dem "Anschluss" 1938 wurde der jüdische Künstler in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald verschleppt, wo er die Melodie des "Buchenwaldlieds" schuf. Ihm gelang die Emigration nach New York, wo er für die Exilgemeinde weiterspielte. 1947 kehrte er nach Wien zurück – auf die Bühnen jener Stadt, die ihn vertrieben hatte. Er starb 1959 in Wien. Georg Kreisler, Jahrgang 1922, ebenfalls Wiener, ebenfalls jüdischer Herkunft, floh 1938 als Sechzehnjähriger mit seiner Familie in die USA. In den Fünfzigerjahren kehrte er nach Europa zurück und wurde zur unverwechselbaren Stimme des schwarzen Humors: Seine Lieder – böse, elegant, abgründig – hielten dem Wiener Charme den Spiegel vor und machten ihn zu einem der bedeutendsten Kabarettisten deutscher Sprache. Kreisler starb 2011 in Salzburg. Zwei Biografien, gezeichnet von Vertreibung und Rückkehr – und zwei Werke, die bis heute beißen, ohne ihren Schmäh zu verlieren. An diesem Abend an der Strudlhofstiege wurden sie wieder lebendig: dort, wo Wiens Geschichte buchstäblich auf Stufen gebaut ist.

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